Vollbremsung

An einem eher kühlen Sommernachmittag sagt mir eine Ärztin in einem MRT-Auswertungsgespräch, dass es in meiner linken Brust mehrere bösartige Herde gebe. Krebs. Sie ist sachlich, aber empathisch. Ich bin gefasst, äußerlich jedenfalls.
Oder vor den Kopf geschlagen.
Schockzustand.
Im falschen Film.
Ein Albtraum, aus dem ich gleich erwachen werde. Nur ruhig bleiben, der Wecker wird schon klingeln.
Die freundliche Ärztin verabschiedet mich mit den Worten: Ihre lebensbejahende Art wird Ihnen sehr dabei helfen!
Wobei, bitte? Das kann einfach nicht wahr sein! Ich fühle mich doch gut, gesund. Na ja, meistens. In letzter Zeit war ich nicht besonders fit. Aber Krebs??? Das erschüttert mein Selbstbild in jeder Hinsicht.

Wenn alles in sich zusammen fällt

Eben noch topfit, gesund, voller Pläne. Die Zukunft, die ich mir erträume, für die ich hart arbeite – sie stürzt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Wer bin ich? Eine Krebskranke? Jemand, über der das Todesurteil wie ein Damoklesschwert hängt?
Alles, was mir Freude und Glück verspricht, gibt es nun nicht mehr.
Ich werde wütend, könnte alles kurz und klein schlagen…
Ich habe Angst. Nein, viel mehr! Ich habe Panik!

Und wie soll ich es meiner Familie, meinen Freunden sagen? Ich schwanke zwischen „ich kann es niemandem sagen, das kann ich niemandem zumuten, und auch mich selber erschüttert es zu sehr“, dann wieder „ich sage es meinen Familienangehörigen und nächsten Freunden sehr vorsichtig, sie sollen nicht leiden“, oder „ich sage es einfach. Ich bin ein Opfer, und alle sollen Mitleid mit mir haben“.
Die Menschen in meiner Umgebung reagieren wunderbar. Sie trösten, ermuntern mich, geben Ratschläge und Empfehlungen. Ich erfahre viel Zuwendung, das stärkt mich und macht mir Mut. Ich fühle mich sehr geliebt.
Manche sind hilflos und verstecken sich hinter Floskeln. Ich kann ihnen nicht böse sein.
Es ist eine sehr sehr schwierige Phase.

Ich bin nicht mehr ich

Medizinische Eingriffe und Behandlungen bringen meinen Körper an Orte, wo ich noch nie oder erst selten war. Ich bin gefangen in einer minutiösen Medizin-Maschinerie, jeder nächste Schritt ist vorprogrammiert: Arzttermine, Untersuchungen ohne Ende, Operation, Anschlussbehandlungen… Eine neue Sprache: Mammakarzinom klingt für mich noch am nettesten. Jeder Termin begleitet von der Angst und Unsicherheit, dass Metastasen gefunden werden, irgendwo in meinem Körper, der mir so unglaublich fremd vorkommt. Ich wusste nicht, was ihn im vorgeht. Habe ich überhaupt auf ihn gehört?
Habe ich eine Chance?
Und wenn ja, welche?
Warum ich? Warum diese Krankheit? Warum jetzt?

Ich will den Krebs nicht. Er soll weg gehen. Ich lehne ihn ab. Er gehört nicht zu mir. Ich habe es früher nicht gehabt und will es auch jetzt nicht. Ich will meinen Körper nicht so, wie er jetzt ist. Ich will gar nichts mehr davon hören. Ich will einfach Normalität, mein altes Leben zurückhaben. Das gefiel mir zwar in vielerlei Hinsicht auch nicht, aber immer noch besser als das! Ich will und werde kämpfen.

Aber will ich wirklich zurück zur Normalität und so weitermachen wie bisher? Auf einmal scheint mir, dass diese Krankheit doch keine Laune der Natur ist, sondern etwas mit mir zu tun hat. Sie scheint in mir zu rufen, mir etwas sagen zu wollen.

Zwiesprache mit dem Krebs

Eigentlich will ich gar nicht zuhören. Aber dann kommt es auch von einer anderen Seite: Sprich mit deiner Brust! Was hat sie? Was ist los? Warum ist sie krank? Gehe in Kontakt zu deinem Krebs!

Ich versuchte, inne zu halten.
Still zu werden.
Inneren lauten Stimmen keine Aufmerksamkeit zu schenken,
nur den Atem beobachten, einatmen – ausatmen.
Mich zu öffnen für den Dialog mit einem Teil von mir selber.
Die Fragen stellen und dann Raum geben für die Antworten.
Einen großen ruhigen Raum.
Lauschen.
Einfach da sein.
Da sein für mich.

Alle, die das auch durchgemacht haben, wissen, dass es in dieser Situation kaum möglich ist zur inneren Ruhe zu finden. Es tobt einfach weiter und weiter. Oder es fühlt sich wie betäubt an.

Es brauchte einige Anläufe und viele Atemübungen, bis ein Zwiegespräch zwischen meiner krebszersetzten Brust und mir in Gang kam. Darüber, wie es ihr geht, warum sie erkrankt ist, was das mit meinem – unserem! – Leben zu tun hat, was sie sich wünscht und was ihr fehlt…
Und das war ganz wunderbar, weil ich auf einmal verstand: Meine Krebserkrankung hat ganz viel mit mir zu tun. Sie ist kein Irrtum, sie will mir etwas zeigen. So, wie sich unsere innere Realität in den äußeren Umständen spiegelt, so spiegelt sie sich erst recht in unserem Körper. Wie es so griffig, fast schon abgegriffen, im Lateinischen heißt: Mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.
Ich bin aufmerksam und möchte die Botschaft verstehen.

Ich lade euch ein, diese Übung auch zu machen. Vielleicht fühlst du dich zunächst seltsam, oder ein Zwiegespräch will dir nicht recht gelingen. Aber gibt nicht auf, versuche es. Es wird wirken, glaube mir!
Wenn du keine Meditationserfahrung hast reichen morgens und abends 2-3 Minuten. Sorge dafür, dass du in diesem Zeitraum ungestört bist.

Gerne kannst du mir schreiben, wie es dir damit ergangen ist!


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